Johann Wolfgang Goethe - Die Leiden des jungen Werthers 8
Ich gestehe dir gern, denn ich weiß, was du mir hierauf sagen möchtest, daß
diejenigen die Glücklichsten sind, die gleich den Kindern in den Tag hinein
leben, ihre Puppen herumschleppen, aus- und anziehen und mit großem Respekt um
die Schublade umherschleichen, wo Mama das Zuckerbrot hineingeschlossen hat,
und, wenn sie das gewünschte endlich erhaschen, es mit vollen Backen verzehren
und rufen:"mehr!" - das sind glückliche Geschöpfe. Auch denen ist's
wohl, die ihren Lumpenbeschäftigungen oder wohl gar ihren Leidenschaften
prächtige Titel geben und sie dem Menschengeschlechte als Riesenoperationen zu
dessen Heil und Wohlfahrt anschreiben. - Wohl dem, der so sein kann! Wer aber
in seiner Demut erkennt, wo das alles hinausläuft, wer da sieht, wie artig
jeder Bürger, dem es wohl ist, sein Gärtchen zum Paradiese zuzustutzen weiß,
und wie unverdrossen auch der Unglückliche unter der Bürde seinen Weg
fortkeucht, und alle gleich interessiert sind, das Licht dieser Sonne noch eine
Minute länger zu sehn - ja, der ist still und bildet auch seine Welt aus sich
selbst und ist auch glücklich, weil er ein Mensch ist. Und dann, so
eingeschränkt er ist, hält er doch immer im Herzen das süße Gefühl der
Freiheit, und daß er diesen Kerker verlassen kann, wann er
will. ( J. W. Goethe "Die Leiden des jungen Werthers")
